Online Publishing und das Mindset

Als Auftraggeber sollten Sie sich vor unangenehmen Überraschungen schützen. Als Auftragnehmer auch.

Sehr regelmäßig erscheint als Problem, dass jemand etwas publizieren lässt und das dann anders gemeint haben will.

Es gibt zwei wesentliche Kategorien, die Sie kennen sollten: die Termin-Publikation und die Online-Entwicklung.

„Klassisch-konservativ“: Termin-Publikation

Die klassische oder konservative Herangehensweise im Software-Bereich – das umfasst auch die online-Publikation – funktioniert ähnlich wie Hausbau. Es ist ein Werkvertrag. Häufig spielt das Datum der Veröffentlichung (Roll-out) eine zentrale Rolle, außerdem gibt es ein Endprodukt mit klar definierten Eigenschaften, die meist im Pflichtenheft ausgehandelt werden, was teils zur Vertragsverhandlung gehört, teils aber auch schon Planungsarbeit oder Projektbeginn ist und daher auch Geld kostet.

Die Termin-Publikation ist sinnvoll bei größeren Projekten, die sich durch folgendes auszeichnen:

  • vorgegebenes, nicht verhandelbares Erscheinungsbild
  • verbindliche corporate identity, farbmarke, Technik und Usability bereits etabliert und vorgegeben
  • fester Zeitplan von Pflichtenheft über Abnahme bis Rollout
  • Pflichtenheft

Derartige „klassische“ Publikationen werden in einer Test-Umgebung entwickelt und dann, beim Roll-out, „live“ oder „scharf“ geschaltet.

Agile oder „Live“ Entwicklung

Seit der Entwicklung des Web 2.0 ist jedoch auch die Live Entwicklung einer Webseite gang und gäbe. Dies gehört zu den Methoden des lean management und der agilen Entwicklungsmethoden. Hier wird in raschen Aktionen eine Entwicklungs-Umgebung, meist ein vordefiniertes CMS (Content Management System) aufgesetzt und dieses dann in Schüben entwickelt. Auch wenn sich solche Webseiten auf „unsichtbar“ schalten lassen, so ist die Methode doch letztendlich ein öffentliches Wachstum vor aller Augen, wie bei einem Baum im Park. Sie ist sehr geeignet für Startups, die ihren Online-Auftritt zusammen mit ihrer Geschäftstätigkeit entwickeln und sich schnell in neu entstandene Märkte bewegen wollen. Agile Entwicklung kann kein Werkvertrag sein, weil das „Werk“, um das es geht, zu Beginn noch gar nicht definierbar ist. Sie findet als reiner Dienstvertrag statt, dessen einzelne Module besprochen und abgerechnet werden.

Agiles Web Development zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

  • hohe Geschwindigkeit
  • Flexibilität – es wird stets modular gearbeitet, proprietäre Formate oder Werkzeuge vermieden, Open Source bevorzugt, das Projekt als Ganzes ist jederzeit skalierbar, übertragbar und offen. Weder am Framework noch am Server noch am Developer muss festgehalten werden, Inhalte werden in mehreren Formaten vorgehalten, Neukräfte können in kurzer Zeit angelernt werden
  • Niedrige Kosten
  • Offenheit und Transparenz – Developer und Auftraggeber/in arbeiten eng zusammen, Methoden werden offengelegt
  • Anpassungsfähigkeit: Gesamtumfang, Finanzplanung und Terminplanung ist frei gestaltbar und wird gemeinsam geplant

Probleme der Unterscheidung

Problematisch wird es, wenn die Kundschaft sich nicht klar darüber ist, in welcher der beiden Formen sie sich befindet. Im ersten Modell ist bis zum Rollout buchstäblich alles korrigierbar. Die komplette Seite kann also gesichtet und getestet werden, ohne auch nur im Geringsten vom Publikum wahrgenommen zu werden, sie ist unpubliziert.

So bequem das ist, um eine ECHTE Termin-Veröffentlichung zu sein, muss eine solche Webseite oder ein derartiges Projekt inhaltlich und technisch Phasen der Qualitätskontrolle durchlaufen: nach Entwurf und Implementierung müssen beide, Content und Technik, getestet werden. Technik wird dabei in jedem denkbaren Setting geprüft und Bugs werden beseitigt, Content (Inhalte) werden in Korrekturfahnen hin- und hergeschickt. Danach gibt es eine förmliche, also verbindliche Abnahme.

Dieses Verfahren hat diverse Nachteile:

  • Nicht alle technischen Settings sind bekannt oder prüfbar. Viele entwickeln sich gerade erst und können die Situation radikal und schnell verändern.
  • Die Dauer und die Kosten sind exorbitant, spektakulär, um ein Vielfaches höher als die live Entwicklung.

Man leistet sich das also nur dann, wenn eine live Entwicklung KOSTEN verursachen würde, in Form von Verlusten am Markt, beim Umsatz, beim Image oder durch Verpassen erwarteter Kundschaften.

Die Live Entwicklung kann in Schüben vorangetrieben werden und die einzelnen Stadien sind modular, funktionieren also für sich autark und können durch zusätzliche Funktionen oder Themen jederzeit erweitert werden.

Auch sie haben Nachteile, und zwar:

  • Unfertige oder fehlerhafte Publikationen erreichen das Publikum. Das Ausmaß ist hier fast unerheblich, juristisch wie beim Erleben des Kunden geht es um die TATSACHE der Publikation. (Definition: Publikation ist die Bekanntgabe an einen nicht abgrenzbaren Personenkreis.)
  • Fehler werden erst entdeckt, wenn sie sich bereits ausgewirkt haben.
  • Ein Haftungsrisiko besteht, das nicht ausschließbar und unabsehbar ist.

Diese Schwierigkeiten können nur durch Risiko-Abwägung aufgefangen werden: bei der Entwicklung ist darauf zu achten, dass Zwischenstadien gesichert werden, Änderungen und Inhalts-Erstellung auf ihr Risiko hin verständig bewertet werden und solche, die zu riskant sind, eben wieder ins Gebiet der Termin-Publikation verlagert werden.

Gelingt dies, dann ist eine modular wachsende Live-Entwicklung aus Sicht der Kosten und der Entwicklungsgeschwindigkeit unendlich überlegen. Gerade für Startups oder für die Zusammenarbeit von Startups sind agile Methoden buchstäblich die einzige Möglichkeit, zu publizieren, da sie ihre Marktsituation erst entwickeln. Aber auch Großkonzerne, die durch überraschende Entwicklungen unter Druck geraten, können nur agil handeln. Der Nachteil ist die fehlende Planbarkeit, speziell, was die Kostenseite angeht. Erzeugt man während der Entwicklung bereits einen Cash Flow, lohnt sich die modulare Herangehensweise, weil man nach jedem erreichten Zwischenziel wieder aussteigen kann.

Ob man agil entwickeln kann, hängt allerdings auch vom Mindset ab. Ein „klassisch“ denkendes Management, das an einen Rollout nach Prüfung und Abnahme gewöhnt ist, wird agile Projekte nicht betreiben können. Das agile Prinzip ist im konservativen Mindset einfach nicht vorhanden.

Auch zu großer Zeit- oder Kostendruck verhindert Agilität, denn ein fest begrenztes Budget lässt sich eben nicht an plötzlich auftretende Schwierigkeiten oder Erfordernisse anpassen.

Wer lean management betreibt, wird agile Methoden immer bevorzugen, weil sie weniger Kosten verursachen. Allerdings muss der Kostenrahmen, so gering er ist, deutlich elastischer sein als im Werkvertrag oder beim „konservativen Publizieren“ mit Pflichtenheft, Korrekturfahnen bzw. Beta-Versionen, Abnahme und Rollout.

Agiles Mindset

Auftraggeber UND Auftragnehmer müssen für den Erfolg einer agil arbeitenden Aktion auch selbst agil eingestellt sein. Das bedeutet eine hohe Flexibilität, gegenseitige Offenheit und Transparenz, sowie das gemeinsame Entwickeln des Projektes und der Umsetzung. Die „klassische“ Version, in der die Auftraggeberseite bestellt und der Beauftragte liefert, funktioniert nicht, weil die Idee des Auftraggebers während der Projekt-Arbeit erst konkrete Formen annimmt, meist dadurch, dass sich die Probleme erst beim Machen zeigen – worauf dann eben mit AGILITÄT reagiert werden muss. Hintergrund all dessen sind die ständig wechselnden technischen Standards im Netz, die im laufenden Betrieb mit den Kundenwünschen in Übereinstimmung gebracht werden müssen. Das NICHT-AGILE Mindset, das feste Vorstellungen mitbringt, bringt solche Projekte zwangsläufig zum Scheitern. Das gilt besonders, wenn radikal-kapitalistische Ideen dahinterstecken, etwa wenn eine Seite „AGIL“ dahingegen versteht, man könnte während der Umsetzung die Forderungen beliebig hochschrauben, die eigenen Leistungen aber nicht verändern. Das hat mit „Agilität“ nichts zu tun, sondern nur mit Gier. Aus demselben Grund scheitern auch jene, die unter dem Label Lean management Angestellte rücksichtslos ausbeuten oder Firmen kaputtsparen. Im Web 2.0, das auf einem Paradigmenwechsel beruht und Firmen stärker auf Augenhöhe zusammenrücken lässt, gelten Begriffe wie Fairness und Toleranz, Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit in stärkerem Maße, denn – abgesehen von den Monopol-Giganten – wir alle haben nur diese eine, kleine WebSeite, die wir vor den Echokammern aufstellen. Wie die, die Sie gerade lesen.

Fazit

Online-Werbung oder Publishing mit agilen Techniken ist attraktiv, für Kleine und Mittlere Unternehmen (KMU) extrem nützlich und für Startups die buchstäblich einzige Möglichkeit.

Ohne agiles MINDSET, zu dem eben auch Werte gehören, wird allerdings kaum ein Projekt funktionieren. Wer nicht agil denkt, ist mit den langsameren, insgesamt teureren und sehr konservativen Methoden der „klassischen Herangehensweise“ besser bedient.

#startups #agil #lean #flexibel

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