Wettervorhersage: Shitstorms aus westlichen Richtungen

Online zu diskutieren, nimmt mir viele Illusionen.

Die Erfahrungen, die ich dabei in zwei Jahrzehnten fanatischer Tastaturhämmerei gemacht habe, waren stürmisch, leidenschaftlich und absolut Weltbild-zerfetzend. Mein Menschenbild, das humanistisch geprägt – also sinnlos optimistisch – war, hat sich völlig gewandelt. Falls irgend jemand da draußen an die Selbstorganisation menschlicher Gruppen durch bildenden Diskurs glaubt – vergessen Sie’s. Wir haben eine Tendenz zum Mob, und da ich in vier Sprachräumen chatte, bin ich überzeugt, dass das kein rein deutsches Phänomen ist. Ob asiatische oder orientalische Netze dieselben Trends aufweisen, kann ich nicht sagen.

 

Diskurs online

Seit 1995 ist der Diskurs im Netz mir zweite Natur. Egal um welches Thema es sich dreht, ich wende mich ans Netz. Die Protokolle, die dabei verwendet wurden, waren zuerst IRC, später die „personal Messengers“ und die Multimediakanäle. Es begann mit irc II, dann kam der „Microsoft Messenger“ (den ich heute noch furchtbar finde), ICQ, Skype, Facebook und Whatsapp.

Die zugrundeliegende Technik ist sehr unterschiedlich. Manche der Protokolle sind synchron (Gespräch unter Anwesenden), andere asynchron (dh, es wird eine Nachricht hinterlassen und zeitversetzt gelesen), manche sind Mischformen, speziell in den sozialen Netzwerken.

Rein konzeptionell lässt sich danach unterscheiden, ob man mit einem Einzelnen oder einer Gruppe redet. Diese Unterscheidung bleibt stets gültig, und die Gesetzmäßigkeiten auch. Im direkten Gespräch fehlt die Gruppendynamik mit all ihren zusätzlichen Problemen: der Hackordnung, dem Groupthink, den selbsternannten Meinungswächtern und dem Konsens, der zum Kompromiss oder zur Radikalisierung führen kann. Insofern scheinen mir die sozialen Netzwerke perfekte Spielwiesen zu sein, um die Gesetzmäßigkeiten des Gruppendiskurses zu trainieren – für Journalisten scheint mir das ein absolutes Pflichtprogramm zu sein.

 

Chat und Persönliche Nachricht

Der direkte „Chat“, heute meist „Personal Message“ oder PM genannt, unterscheidet sich nicht vom Telefongespräch und dieses nur geringfügig vom Zwiegespräch in der realen Welt. Die Telefonierenden können sich kaum unmittelbar mit direkter Gewalt bedrohen; sie können in völlig unterschiedlichen Situationen und Gebieten sein; und die Abhörbarkeit macht, natürlich, einen gewaltigen Unterschied. Für den Alltag des „Durchschnittsbürgers“ spielen diese Unterschiede aber keine große Rolle: Gespräch ist Gespräch, weswegen dieses Wort auch Synonym fürs Telefonat und für die persönliche Begegnung verwendet wird. Auch juristisch ist ein Telefonat eine Willenserklärung „unter Anwesenden“.

 

Diskurs in der Gruppe

Redet eine Gruppe miteinander, greift sofort dieselbe Dynamik, die auch am Stammtisch gilt: die Gruppe sucht Bestätigung. Überraschende Meinungen werden von keiner Gruppe geschätzt, es sei denn, sie sind humorvoll oder sensationell. Beim Sensationellen gilt zusätzlich: es wird nur geschätzt, wenn es schon vorhandene Vorstellungen bestätigt. Ganz besonders spürbar wird dies im Bereich der Tabus: auch wahre Informationen, die nicht zum Meinungsbild der Gruppe passen, werden hier wütend abgelehnt. Speziell in Fällen, in denen ein Bildungsgefälle herrscht, wehren sich Gruppen mit Fanatismus gegen das Zurechtrücken von Fehlvorstellungen; hier sind – meiner Ansicht nach – Parallelen zum Hexenwahn des Mittelalters, so hasserfüllt ist die Ausgrenzung dessen, der es besser weiß. Häufig ist beobachtbar, dass die Gruppe ihr Zusammengehörigkeitsgefühl durch Überstimmen des korrekten Standpunkts – etwa in naturwissenschaftlichen Fragen – sichtbar stärkt.

Eingreifen kann hier nur ein Moderator, der dämpfend und klärend eingreift – auch dieser Vorgang ist natürlich der Gruppendynamik unterworfen und kann zur Auflösung der Gruppe führen, wenn sein Verhalten als „Zensur“ empfunden wird.

Eine unmoderierte Gruppe wird, in meiner Erfahrung, automatisch zum Mob. Das bedeutet auch, dass die Öffentliche Meinung in jeder Gesellschaft in gewisser Weise der Anleitung bedarf: da diese Anleitung ein Machtfaktor ist, wird damit, ebenfalls automatisch, Missbrauch getrieben.

Dankbares Opfer des Missbrauches ist eine Spielart der Persönlichkeit, die ich „Mobkopf“ nennen möchte… solche Menschen sind ängstlich in ihrem Urteil, bestrebt, sich einer Autorität anzuschließen, und sei es nur die Mehrheit, und sie neigen zu Sentimentalität, Vorurteil, Ängsten und sind bestrebt, ihr eigenes Meinungsbild zu konsolidieren. Kennt man solche Menschen, kann es nützlich sein, mit ihnen über ein beliebiges Thema zu sprechen, EHE man sich einer Gruppe zuwendet; dadurch lassen sich viele inhaltliche Konflikte gleich zu Beginn vorwegnehmen.

John Irving hat in seinem Buch „Garp und wie er die Welt sah“ beschrieben, wie ein Verleger durch Entdeckung einer Angestellten, die wie die breite Masse denkt, in die Lage versetzt wird, Bestseller vorauszusagen.

So lustig das sein mag, eine Gesellschaft, die sich in einen Mob verwandelt, hat keine rosige Zukunft vor sich, und das weiß niemand besser als wir Deutschen. Ob die Sozialen Netzwerke uns unabwendbar in einen Mobherrschaft verwandeln – was ich genauso gefährlich finde wie die Diktatur eines Einzelnen – und ob die Shitstorms wirklich herrschen, ist jetzt, im Jahre 2016, noch nicht absehbar.

Eine Lösung für diese Fragen zu finden, wird die große Herausforderung bleiben. Unsere Informationsgesellschaft wandelt sich zu einer Kommunikations-Gesellschaft; gelingt es hier nicht, die Demagogen und den Mob gleichermaßen zu neutralisieren, wird diese Gesellschaft zwangsläufig in eine Diktatur verwandelt werden… wobei ich inzwischen für möglich halte, dass die Bevölkerung diesen Wandel… gar nicht mitbekommt.

 

 

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