Ikarus im Shitstorm

Die ärgerlichsten Abstürze sind die, die sinnlos, selbstverschuldet und total vermeidbar gewesen wären. Besonders, wenn Sie eine Marke oder ein Label betreiben – und dieses in der Beliebtheit abstürzt…

Ich mach „SEO“, also Suchmaschinen-Beeinflussung. Wer zu mir kommt, sucht Beachtung, aber vor allem auch Verstärkung. Nicht Verstärkung in dem Sinn, dass noch einer zur Mannschaft kommt, sondern so, wie wenn man sich ein Megaphon vor den Mund hält: man sagt zwar das Gleiche, aber viel mehr Leute hören es.

Da Sie mich nicht für alle Ewigkeit zahlen wollen, können und sollen (ich will ja auch nicht ewig dasselbe tun), setze ich meist eine Umgebung auf und zeige Ihnen dann, wie Sie selbst weitermachen können. Natürlich können Sie mich und meine Schreibe auch immer wieder mal zuschalten.

Und da geht’s los: nun äußern sich meine Kunden im Netz. FORMAL machen sie das Richtige, streng nach Handbuch. Sie schreiben in Foren und sozialen Netzen, sie füllen ein eigenes Blog und sie posten Fotos und Filme. Oft sehe ich dem Kunden zufrieden nach, mit einem Gefühl wie ein Fluglehrer: ich habe ihm beigebracht, wie er die Begriffswolken der Suchmaschinen durchsegeln kann und erfolgreich in höchste Höhen (der Suchseiten) vorstößt.

Leider unterschätze ich manchmal, was alles schief gehen kann. Und das ist meistens der Inhalt.

Ich hatte Kunden, die online (!!) folgendes tun oder taten:

  • sich auf wütende Wortgefechte mit Trollen einlassen
  • unscharfe, unterbelichtete und hundsmiserable Fotos publizieren
  • gestochen scharfe Fotos fremder Personen ohne Erlaubnis publizieren
  • faschistoide Fotos oder Postings liken
  • sich gegen Tierschutz und für Massentierhaltung aussprechen
  • Männer oder Frauen, Minderheiten, Behinderte oder Angehörige bestimmter Berufsgruppen beleidigen oder provozierten

Und all das erzeugt, belebt, verstärkt den Shitstorm, in dem der Höhenflug Ihrer Marke abrupt endet. Das ist so etwas wie Ruf-Selbstmord: Sie stürzen so schnell ab, dass Sie gar nicht merken, was passiert, ehe es viel zu spät ist. Absturz à la Ikarus.

In der Suchmaschine stürzen Sie zwar nicht unbedingt ab; aber das ist gerade das Schreckliche. Wenn Sie einen Shitstorm gegen sich provozieren, bleiben Sie für laaaange Zeit in der Suchmaschine. Aber mit affenmiesen Ergebnissen. Was dann abstürzt, ist Ihr Umsatz.

Sie würden nie glauben, was für eine Energie und was für einen Eifer die Hetzer, die Beleidigten, die Weltverbesserer und die Gutmein-Trolle (solche gibts) an den Tag legen. Keine Werbeagentur der Welt kann Sie gegen einen Shitstorm wirksam verteidigen – oder genauer, kein Kunde der Welt hat Lust, den nötigen Aufwand zu bezahlen.

Die Community siegt immer.

Wenn also eine Werbekampagne oder eine SEO-Kampagne für Sie läuft, dann ist „politically correct“ Ihr zweiter Vorname. Sie lieben Kinder, Frauen, Schwule, Tiere, Behinderte, alle Randgruppen und Minderheiten. Sie lieben alle Religionen, Weltanschauungen und Geistes-Strömungen. Und Ihre eigene behalten Sie bitte für sich. Wann immer man im Namen einer Minderheit oder des Umweltschutzes etwas von Ihnen verlangt, sagen Sie entweder „wir arbeiten daran“ oder „das haben wir auf dem Schirm“. Wenn Sie das Verlangte absolut verweigern wollen, sagen Sie: „Das würden wir gerne tun, aber das stellt sich sehr schwierig und hoch komplex dar.“ Wann immer im Internet, oder schlimmer noch, im Interview, Themen auftauchen, die Sie ablehnen, Sie antworten: „also für mich käme das nicht in Frage, aber soll doch jeder nach seiner Fasson selig werden“. AUSNAHME!: Päderasten, Faschisten, Terroristen, Extremisten, Drogenhändler, Zuhälter und alles Kriminelle lehnen Sie mit Nachdruck ab. Kommunisten auch, aber bei denen dürfen Sie immerhin noch sagen, dass Sie „Mitleid“ mit ihnen hätten – Kommunisten nimmt eben keiner mehr ernst.

Das alles gilt in jeder Form der Öffentlichkeit. Das heißt, in E-Mails, SMS, Postings, Comments, Blogbeiträgen, Webseiten, PDFs und auf Ihrem verdammten Notizblock äußern Sie sich nie wieder abfällig über irgendwen außer Hitler. Am Stammtisch sollten Sie erst schaun, ob auch kein Handy eingeschaltet ist, ehe Sie Ihre nicht politisch korrekte Privatmeinung äußern – es sei witzig oder ernst gemeint. Und wenn Sie mit Ihrer Familie in der Sauna sind, sollten Sie sich überlegen, ob nicht eines Ihrer schwatzhaften Kinder Ihr dummes Gerede einem politisch aktiven Klassenlehrer weitererzählen könnte.

Die Shitstorms schlafen nie, und sie hören noch das leiseste Geflüster.

Nun beschweren Sie sich natürlich bei mir und sagen, das sei ja wie ein Überwachungsstaat. Aber erstens haben wir den jetzt schon ziemlich lang und zweitens wollten Sie ja – wir erinnern uns – Werbung. Und wenn Sie die machen, treten Sie vor ein großes unsichtbares Publikum; es ist bei Internet-Werbung mindestens vierstellig, und zwar von Anfang an. Das ist mehr, als die meisten Bürgermeister jemals bei ihren Ansprachen vor sich haben.

Wer in die Öffentlichkeit tritt, hat keine
Nachsicht zu erwarten und keine zu fordern.
(Marie von Ebner-Eschenbach).

Es mag nun sein, dass Sie eines jener Geschäfte sind, die vom Shitstorm leben: Demagogen, Polithetzer, verdrehte Prediger, sie alle versuchen, die Shitstormwelle zu reiten. Auch Rapper sind in diesem Metier zu Hause.

Aber eines muss Ihnen klar sein: diese Welle können Sie nur dann reiten, wenn Sie enorm investieren, und zwar in permanente Werbung, die berühmten flankierenden Maßnahmen.

Und wir hatten ja zu Beginn davon geredet, dass Sie gerade nicht ewig zahlen wollten. Ein weltberühmter Rapper sind Sie auch nicht.

Also tun Sie mir, tun Sie vor allem sich selbst den Gefallen: äußern Sie sich politisch korrekt. Ein falscher Pieps kann die Arbeit vieler Jahre zunichte machen, Sie Umsatz kosten und übrigens auch Ihren Ruf im realen Leben ernsthaft beschädigen.

Sie lassen für sich werben?

Dann sind Sie ab sofort so was von braaaaav…


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http://ergosteisslingen.wordpress.com

Ergotherapie kann Schlaganfallpatienten bei der Rekonvaleszenz eine enorme Stütze sein. ADHS, kindliche Sprachstörungen, neurologische Probleme und Linkshänder-Betreuung: für all dies können Sie sich im Großraum Stockach an „ergosteisslingen“ wenden, die Praxis der Ergotherapeutinnen E. Jury und J. Stirn.

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