Warum ich meinen privaten facebook-Account stillege

Eigentlich hat es mich schon immer gestört: das unbegrenzte, beliebig an Dritte übertragbare Nutzungsrecht. Facebook behält sich vor, alles, was ich poste, weiter zu verkaufen.
Das ist fast noch schlimmer als die NSA-Bespitzelung, denn die will nur wissen, ob ich Terrorist bin und wie ich politisch denke, und die Antwort ist in beiden Fällen negativ („nein“ und „nicht“).
Dann haben mich facebooks Fragen genervt: aufdringlich wie eine versoffene Pariser Concierge (wo waren Sie, haben Sie den Film gesehen, kennen Sie diese Leute???). Und ich stelle auch fest, dass ich immer öfter eine Idee, ein Bild und einen Text angeschaut habe und dabei dachte: „eigentlich zu schade für facebook“.

Meinen Account habe ich zum Teil deshalb ziemlich missbraucht: häufig habe ich Sachen gepostet, die mir im Grunde nicht entsprachen, weil ich wissen wollte, welches Echo sie erzeugen. Ich kann daher nur hoffen, dass meine richtigen Freunde mich nicht an meinen facebook-Veröffentlichungen messen – für mich eigentlich selbstverständlich, aber man weiß ja nie, vielleicht ist facebook mehr unsere Visitenkarte, als uns klar ist.

Für mich war – und ist – facebook auf jeden Fall ein Experiment und eine Spielwiese. Ich habe auch festgestellt, dass die facebook-Persönlichkeit meiner Bekannten eine andere ist als das, was ich eben _persönlich_ von ihnen mitbekomme.

Mein Menschenbild ist trotzdem für immer beschädigt. Da _posen_ sie vor ihren Autos (oder sogar vor fremden Autos), fotografieren ihr Essen, fallen auf die dümmste Hetze, auf die blödesten Lügen und auf die lächerlichsten Versprechungen herein. Sie spielen „Spiele“, die so hirntot sind, dass man sich schreiend auf dem Boden wälzen möchte; wenn facebook denn einen hätte. Doch es gibt keinen, und entsprechend sind die Dummheit und die Hetze auf facebook einfach bodenlos. Nazis, Islamisten und jede Art Bauernfänger toben auf facebook, die Werbung hat in der Mehrzahl der Fälle verdient, dass man sie anzeigt, und eine zum Heulen kitschige Rührseligkeit schäumt durch die facebook-Gesellschaft, unterbrochen von alten und schon damals nicht sehr dollen Witzen.

Das arme Tier, der schlimme Umweltschaden, die arge Krankheit, der eeekelhafte Ausländer-Islamist und übrigens: …kommt ein Pferd in ne Bar…

Ich hab alles mitgemacht. Ich habe Erlebnisse, Fotos und Gedanken und Kommentare zur Tagespolitik gefacebookt. Ich gab mir Mühe, in der überwiegenden Zahl der Fälle wirklich eigenes Material zu nehmen. Hab die Seiten von Freunden und von diversen Gruppen gelesen und festgestellt, dass die Mehrzahl meiner Mitmenschen unoriginelle, verführbare Dummköpfe sind. Worauf sie reagieren, ist wirklich zuverlässig vorhersagbar: auf alles, was ihnen bestätigt und verstärkt, was sie sowieso schon denken.

Der Shitstorm ersetzt inzwischen die Demo. Die Trottel merken gar nicht, dass er so viel bewirkt wie das Weinen der alten Frau im stillen Kämmerlein, und dass man ihn nur gestattet, weil sich die Handlungsenergie des Wutbürgers da so schön entlädt: nun schreibt er keinen Brief mehr, geht zu keiner Demo, und wir wissen nun, was er wählt.

Mein Tätigkeitsfeld gehört zur Werbebranche. Ich mag nicht in der Lemmingmasse mitrennen, die alle ihre Äußerungen direkt dem Großen Bruder schenkt, damit er seine Lemminge immer noch besser verkaufen und kontrollieren kann. Leider Gottes muss ich auf der Seite arbeiten, die die Lemminge steuert… und ich habe dazu nun viel gelernt. Kann mich bei den andern Lemmingen nur bedanken (und mir ist bewusst, dass niemand von uns, auch ich nicht, dem Lemming-sein entkommt). Beruflich – OK. Aber ich bin weder einsam genug noch einfältig genug, um einen _echten_, also privaten facebook-Account im Ernst auf Dauer zu betreiben. Ich spucke meine Gedanken, Erlebnisse und Empfindungen nicht mehr auf den Boden des Bahnhofs-Abtritts, und ich lege sie auch nicht mehr im Wartezimmer des Einsamkeits-Arztes aus, den anscheinend so viele brauchen.

Ich will mich nicht verkaufen lassen.
Schon gar nicht für dumm.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s