Welches Werkzeug benutzen Sie denn?

Ein „Kollege“ fragt mich, welches Werkzeug ich benutze. Ich verstehe die Frage nicht. Der Kollege rollt mit den Augen, um mir zu zeigen, ich bin schwer von Begriff. „Welches Webseiten-Programm du nimmst“, verdeutlicht er.

Können Sie sich vorstellen, einen Zimmermann oder einen Mechaniker zu fragen, welche Werkzeuge sie benutzen? Ein ausgebildeter Zimmermann MUSS ja eben sämtliche Werkzeuge der Zunft beherrschen; darum ist er ja Zimmermann.

Entsprechend kurz fällt meine Antwort aus: „Alle.“

Das ist so natürlich nicht wahr: ich benutze eine Vielzahl von Programmen unter mehreren Betriebssystemen, und von den kommerziellen (proprietären) jeweils die beste oder aktuellste Version, die das Budget hergibt. Von einigen Programmen nutze ich mehrere Versionen, zum Beispiel dann, wenn die veraltete Version bessere Funktionen hat. Und selbstverständlich hebe ich alle Lizenzen auf, die ich je nutzte, und betreibe eine ziemlich ordentliche Lizenz-Verwaltung.

Für Online-Werbung nutze ich, natürlich, auch Web-gestützte Systeme, die direkt auf dem Server laufen – und auch hier gibt es stets wechselnde Standards. Es ist eben wie bei jedem anderen Handwerk: ein Zimmermann wird eine Motorsäge oder einen Hobel benutzen, je nach Anforderung des Werkstückes.

Um im Bild zu bleiben: der „Kollege“ hat irgendwann gelernt, ein einziges Werkzeug zu benutzen, sagen wir mal, eine Motorsäge. Von mir will er wissen, ob ich wohl einen Schlagbohrer verwende, oder ob ich, wie er, Kettensägen-Fan bin. Nun, Kettensäger und Schlagbohrer-Nutzer sind noch lange keine Zimmerleute.

Das Problem beginnt, wenn ein Kettensäger sich für einen Zimmermann hält und gar nicht weiß, dass es auch noch andere Werkzeuge gibt. Können Sie sich vorstellen, was für Tische da entstehen?

Das Gespräch endete damit, dass mein „Kollege“ sehr beleidigt mit mir war und mich für böse und arrogant hielt (und noch hält). Aber ein ordentlicher Webdesigner wird sich natürlich mit vielen Werkzeugen auskennen und im Notfall übrigens eine Internet-Seite auch mit einem Texteditor erstellen (oder wenigstens verändern) können. Würde ich nur ein einziges „Webseiten-Programm“ (gemeint war wohl ein HTML-Editor) verwenden, würden meine Kunden viel verlieren; beispielsweise hat so mancher meiner Kunden/Kundinnen eine bestimmte Software in Lizenz und wünscht dann eine Seite, die er selbst auch pflegen kann. Also müssen, beispielsweise, Templates zu seinem System passen. Content Management Systeme haben ihre eigenen Frameworks, und in vielen Firmen gibt es eine eigene Infrastruktur, an die die von mir gelieferte Webseite sich anzupassen hat.

Vielleicht hätte mich mein Bekannter fragen können, welche Standards ich denn verwende; die Frage wäre etwas sinnvoller, da es immer noch viele Systemhäuser gibt, die HTML 5 nicht umsetzen oder veraltete Dateiformate nutzen. Selbst so wäre meine Antwort ähnlich grob ausgefallen, weil ich nur hätte sagen können: „Die aktuellen.“

Und GANZ im Grunde, denke ich, habe ich den „Kollegen“ noch gar nicht ausreichend schlecht behandelt, denn in jedem Fall zeugt seine Frage von Inkompetenz und zielt darauf, mich schlecht aussehen zu lassen. Welcher Zimmermann würde schon sagen: „Ja nun, ich verwende zum Beispiel einen Hammer“?

Behämmert…

Das Traurige an der Geschichte geht noch weiter. Der „Kollege“ (die Anführungszeichen werde ich ihm nicht ersparen) erstellt natürlich auch „Internet-Seiten“, und es gibt sogar Menschen, die das bezahlen. Es ist auch wahr, dass in vielen Fällen die plattformübergreifende Darstellbarkeit, die Barrierefreiheit und das SEO keine Rolle spielen. Schließlich fangen wir alle einmal an. Und die weit überwiegende Anzahl der Webdesigner sind Autodidakten; eine vernünftige Ausbildung gibt es ohnehin nicht.

Aber: als Kunde sollten Sie in jedem Fall schauen, mit wem Sie es zu tun haben. Denn gerade im deutschen Web kann ein Amateur seinen Kunden viel Schaden zufügen. Abmahner suchen nach kleinen Formal-Fehlern, Abzocker suchen nach fehlerhaften Quellenangaben oder versehentlich verwendetem Fremdmaterial; und Google wird jede Seite missachten, die zu sehr nach Schablone aussieht.

Fragen Sie Ihren Webdesigner also, ob sein Produkt Standards einhält. Fragen Sie nach „W3C Standards“, „Suchmaschinen-Optimierung„, „Barrierefreiheit“, danach, welcher Rechtschreib-Standard eingehalten wird und ob sämtliche Bilder, Texte und Medien originär (also selbst-erzeugt) sind. Werden diese Fragen unbefriedigend oder ausweichend beantwortet, sollten Sie den Vertragsteil, der sich auf die Haftung bezieht, nochmals ansehen; oder zumindest über den Preis nachverhandeln.

Denn das wichtigste „Werkzeug“ ist kritische Prüfung. Schließlich wird die Außendarstellung Ihrer Firma im Internet auch sehr kritisch geprüft: von Kundinnen und Kunden, von Abmahnern und Abzockern, und – nicht zuletzt – von den Suchmaschinen.

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