Die vier Elemente des Webdesign

Vorbemerkung: eine Test-Leserin wies darauf hin, dass ich nur von „KundE, DesignER“ usw. geschrieben hatte, als gäbe es nur männliche Wesen. Da aber zB die DesignerInnen im Text schlecht wegkommen, konnte ich ja auch nicht so tun, als wären alle Trottel der Welt weiblich. Daher ist dies auch eine Premiere: mein erster geschlechtsneutraler Wut-Text.

Und noch was zu Vorurteilen: ich weiß, es gibt auch technisch sehr kundige Designer, und ich kenne selbst mehrere. Aber ich habe eben auch viel gelitten.

*

Die Umsetzung Ihres Internet-Auftrittes soll maximale Qualität mit minimaler Dauer und minimalem Preis verbinden. Diese vier Elemente (beste Qualität, minimaler Preis und rasche Umsetzung kombinieren und vermischen sich nach festen Gesetzen, wie folgende Grafik zeigt:

Eigenschaften des Webdesign
Webdesign kann gratis, blitzschnell und nahezu perfekt sein – aber nicht alles gleichzeitig.

Alle Webdesigner sind Kommunikations-Profis. Sie sind meist fit in Print und am PC, sie können sich sprachlich gut ausdrücken und ihre Ideen mit Lichtgeschwindigkeit der Welt mitteilen.

Leider können sie sich aber weder KundInnen noch DesignerInnen verständlich machen.

Fangen wir mit den Kunden/innen an: viele davon sind der Ansicht, dass „es eigentlich nichts kosten dürfe.“ Gestaltung, Fotografie und umfangreiche Dokumentation (ausgedruckt, bitte) hat natürlich in diesem Preis mit drin zu sein – besonders die Doku ist ja ohnehin ein Zufallsprodukt, das der Wind vom Baum herabweht und das „irgendwie einfach da ist.“

Die Verwaltung und Administration ist „für Sie ja ganz einfach“, sagt meine Kundschaft und will wohl ausdrücken, dass es deshalb erstens wertlos ist. Und zweitens, dass ich – falls ich behaupte, es sei aufwändig – eben unfähig bin.

Fertig ist die ganze Sache selbstverständlich mit Auftragserteilung: man nimmt das Besprechungsprotokoll, angießen mit heißem Wasser, erledigt.
Die Seite muss Geld einbringen (klar, denn kosten durfte sie ja nichts),  und wenn sie nicht schlagartig nach Publikation fest an einer Top-Position in den Suchmaschinen verankert ist, dann ist der endgültige Beweis für das erbracht, was wir schon oben vermuteten: dieser Webdesigner kann seinen Job nicht.

Ahh, Sie dachten, damit sei das Problem fertig. Aber jetzt kommt der/die Designer/in der Kundschaft, nennen wir ihn/sie mal aus naheliegenden Gründen „Ersie“. Und die Pforten der Hölle öffnen sich. „Auf den Handies meiner Kinder sieht Ihre Seite aber noch nicht gut aus, da müssen Sie nochmal ran“, lässt Ersie mich wissen. „Mein Design beruht ja gerade auf den Übergängen zwischen den Pastell-Tönen.“

Derdie Depp(in) hat beim Anlegen des Webseiten-Entwurfs tatsächlich mit Aquarell gearbeitet.

Die Liste ihrerseiner Beschwerden ist lang: gerade die „schönen“ Schriftarten würden nicht größer werden, wenn man zoomt; die Standardschriftart im Text ist „falsch, wenn ich sie auf einem anderen PC als meinem ansehe“; die Animation mit dem tanzenden Gurkenglas – „und gerade die ist ja GANZ wichtig“ – läuft nicht auf dem Smartphone; auf dem Flachbildschirm ist der Rand der Seite zu groß und auf dem Tablet zu klein, so dass man scrollen muss.

An diesem Punkt schaut mich Ersie mit großen Augen an, als hätte sie/er gerade einem Schulkind eine aber wirklich sehr schlechte Note geben müssen. Ich habe ihrsein Design wohl nicht verstanden, weil ich zu primitiv und zu dumm bin.

Und nun erwartet Ersie von mir eine Reaktion, die ungefähr darin besteht, dass ich Entschuldigungen murmelnd auf den Knien zu meinem Computer haste, um die Sache „in Ordnung zu bringen“.

Eines Tages werde ich Ersie erschlagen, ich bin ganz sicher. Mit einem Gurkenglas, und danach werde ich tanzen. Auf Ersies Kadaver.

Na gut, vielleicht auch nicht. Aber es macht mich aggressiv, oh so aggressiv, wenn ich dran denke… woran? Zum Beispiel, dass ich ja auch nicht ins Autohaus gehe und ein Auto verlange, das keinen Sprit braucht und sowohl für schweres Gelände wie auch für die Rennbahn geeignet ist, in jede Parklücke passt und Baumstämme transportieren kann.

Mehr noch: wenn derdie Autohändler/in oder derdie Mechaniker/in mir sagt, dass ein Auto all diese Eigenschaften nicht vereinen kann, teile ich ihrihm nicht mit, dass ersie offensichtlich ihrenseinen Beruf verfehlt hat; und ich will auch nicht Schadenersatz von ihrihm, wenn sich herausstellt, dass ein Porsche keinen Acker pflügen kann.

Der Unterschied besteht darin: die meisten meiner Kunden wissen, was ein Auto ist und wie es funktioniert. Auch manche(r) Designer(in) weiß das oder ahnt es irgendwie.

Bei Webseiten liegt die Geschichte anders.

Etliche meiner Kunden/innen sind bass erstaunt, wenn sie erfahren:

– All die Milliarden Internet-Benutzer(innen) haben NICHT alle denselben Bildschirm, schon gar nicht denselben wie mein(e) Kunde/in

– Die hübsche Schriftart ist nicht überall verfügbar und auch nicht darstellbar

– Google pfeift auf Flash-Inhalte (will sagen: ignoriert sie total); und längst nicht alle Smartphones zeigen sie an

– Ihr(e) Designer(in) ist ein(e) Idiotvolltrotteldepp/in

Da sie mit all dem nicht gerechnet haben, ist es eine Überraschung; und Kunden/innen mögen keine Überraschungen. Daher sind sie nun enttäuscht, und die Enttäuschung bedeutet, um wieder zum Ausgangspunkt zu kommen: warum geht nicht alles, was Kundin oder Kunde will, sofort und kostenlos?

Und ich gebe erneut zu, dass es sich um ein Kommunikations-Problem handelt, das meine Schuld IST und das sich auch noch ganz einfach lösen ließe – was BEWEIST, dass ich meinen Job nicht kann:

Lügen sollte ich.

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