Von aufdringlichen Bardamen und menschlichen Linkfarmen

oder: fiese Tricks beim SEO

„Suchmaschinen-Beeinflussung“ ist heiß umkämpft. Am heißesten von denen, die gar keine Ahnung davon haben. Erst wenn man ein paar tausend Seiten veröffentlicht hat, gehen die Prinzipien der Suchprogramme in Fleisch und Blut über. Die Entwicklung über Jahre hinweg zu beobachten, lehrt einen.

Leider ist das nicht schnell erklärt – und auch nicht gern. Schließlich beruht auf meinen Erkenntnissen mein „Geheimrezept“; und darauf beruht der Wettbewerbsvorteil meiner Kunden.

Und da ist das Problem: SEO hat keine beweisbare Theorie. Google legt seine Technik nicht offen. Und sagt auch nicht, welche Kriterien für die Relevanz einer Internet-Seite ausschlaggebend sind.

Wir können also eigentlich nur testen. Ein Rest Unschärfe bleibt immer, denn ohne vollständige Information kann man eben nur unvollständige Schlüsse ziehen. Dazu kommt, dass das Internet und Googles Politik dauernden Schwankungen unterworfen sind.

Dementsprechend ist die Sache geheimnisumwittert. Verschwörungstheorien machen die Runde. Insbesondere sind Unternehmer wie ich, die in diesem Bereich arbeiten, erstmal verdächtig. Vermutlich benutzen die total fiese Tricks und so…

Es gibt fiese Tricks beim SEO. Doorway Pages beispielsweise. Was das ist? Drücken wir’s mal so aus: ein Mensch, der auf der Straße herumläuft, Werbezettel für eine miese Bar verteilt und den Leuten dabei einredet: da isses ganz toll, da müsst ihr hin – so jemand ist eine menschliche Doorway Page.

Die Bardame, die sich in der miesen Bar direkt auf den Schoß eines arglosen Besuchers setzt und sofort fragt, ob er ihr nicht Schampus bestellen will, ist dagegen eine menschliche Landing Page. Und es ist gar nicht leicht, sie loszuwerden, ohne dass man über irgendein persönliches Gut verfügen muss.

Linkfarmen lassen sich mit diesen Arbeitslosen vergleichen, die schlechte Theater dafür bezahlen, dass sie in die Musical-Vorstellung gehen und hinterher begeistert, anhaltend und viel zu laut klatschen. Wenn Sie Pech haben, ist das ganze Theater voll von den Typen.

Dann gibt es noch die Webseiten, die durch Fehl-Etikettierung mogeln. Sind Sie mal in eine Videothek gegangen und wollten einen Film mit Bruce Lee leihen? Nein? Ich schon (Asche auf mein Haupt). Und ich fand Filme mit Bruce Li, Bruce Wong Lee, Bruce Lee Han, „im Stil von Bruce Lee“, mit „dem neuen Bruce Lee“… Sie verstehen, was ich meine. Webseiten, die etwas Erfolgreiches imitieren, nennt man „Squatter Sites“; manchmal sagt man auch „URL hijacking“. Da meine Branche keine vernünftige Ausbildung kennt, gibt es auch keine anständige Fachsprache.

Sie glauben, es sei vorbei? Dann sind Sie noch nie in Moskau Bus gefahren. Ich schon: und der Busfahrer brachte meine Reisegruppe – ungefragt, natürlich – zum Geschäft irgendeines verdammten Cousins, wo wir Souvenirs zu irren Preisen kaufen sollten. Taten wir nicht. Und dann war der Busfahrer verärgert und fuhr uns im Schritttempo, bis angeblich „die Zeit abgelaufen“ war und wir irgendwo am Stadtrand aussteigen mussten. Webseiten, die Ihnen gekaufte Links zeigen (also bezahlte, sprich wertlose Empfehlungen) sind wie dieser Busfahrer: Sie werden dort hingebracht, wo Sie nicht hin wollen.

Hütchenspieler, Straßenverkäufer und Jahrmarktschreier bedienen sich des altbekannten Tricks, der seltsamerweise auch heute noch funktioniert: sie führen ihren Ramsch vor, und es erscheint jemand, der anscheinend ein unbedarfter Kunde ist. Dieser nutzt das Angebot des Eckenstehers, „gewinnt“ das dümmliche Mogel-Spiel oder benutzt das windige Angebot – und ist begeistert. Seine Begeisterung ist ansteckend, viele der Umstehenden fallen danach auf den scheinbar so guten Deal herein. Niemand ahnt, dass der Begeisterte einfach ein Mitarbeiter des Vorführers ist. Dies nennt man „Astroturfing“: ein bezahltes Pseudo-Publikum äußert sich. Viele Pyramidensysteme und MLM-Strategien nutzen diesen Effekt meisterlich, weil die Teilnehmer im Netz jede Kritik übertönen.

Als Bauernfänger betätigen sich getarnte Vertreter, die an Ihre Haustür kommen und Sie fragen, ob Sie auch finden, dass Kinder bessere Ausbildungs-Chancen haben sollten; erst im Verlauf des Gesprächs wird Ihnen klar, dass der Idiot Ihnen etwas verkaufen will. Auch dies hat seine Entsprechung: in sozialen Netzwerken wird damit geworben, dass man auf „Like“ klicken solle, wenn man gegen Kinderschänder oder für Tierschutz sei… und diese Dinge werden angeklickt und auch weiterverbreitet. Der Bauernfänger arbeitet dabei online sogar noch besser als an der Haustür; anscheinend haben manche Menschen Angst, als Kinderschänder zu gelten, wenn sie nicht klicken.

Ich habe einen Bekannten, der mich regelmäßig hereinlegt, indem er ein Gespräch mit mir beginnt. Dumm, wie ich bin, gehe ich immer wieder darauf ein und unterhalte mich mit ihm über Wasserfilter, Brahms, Erbsen oder Zauberwürfel – und alle diese Gespräche enden damit, dass er mich in eine Diskussion über Denkmalschutz verwickelt. Ich weiß gar nicht, wie er das macht; einmal fiel mir auf, dass er „a propos Erbsen“ sagte und fünf Wörter weiter beim Denkmalschutz anlangte. Nichts gegen Denkmalschutz, wohlverstanden.
Aber mir ging es doch um Erbsen!
Auch das ist Suchmaschinen-Optimierung: zu bewirken, dass Inhalte unter einem Deckmantel daher kommen. „Cloaking“ heißt der Vorgang, dessen Opfer ich da wurde. Die gleiche Krankheit in milderer Form hatte meine Großmutter, die in Gespräche zu beliebigen Themen permanent das Wort „Vitamine“ einstreute. Heute sagen wir dazu „keyword stuffing“.

Eine verwandte Themen-Mogelei ist es, überall in der Stadt Wegweiser und Schilder aufzustellen, die „Freibier“ versprechen – und als Ziel die Adresse von Tante Emma anzugeben, die man schon lang mal ärgern wollte. „Google Bombing“ ist der Fachausdruck dafür.

Es gibt auch „SEO“, an dem Menschen bzw. menschliche Wahrnehmung eigentlich gar nicht beteiligt sind. Wenn Sie Ihren Hund Gassi führen, und er holt sich von einem anderen Hund Flöhe – dann ist eine unsichtbare Weiterleitung geschehen. Dies hat mit Ihnen wenig zu tun, sondern nur mit der Floh-Ausbreitung. Ganz ähnlich ist es, wenn Webseiten unsichtbare Links einbauen, die nur der Verbreitung ihres miesen Inhaltes durch die Suchmaschine dienen.

Es gäbe noch viel zu sagen, aber ich höre hier mit Frikadellen auf. Die wollte ich nämlich in New York mal herstellen, und kaufte Hackfleisch. Abgepackt, klar. Aus dem Supermarkt. Nahm es mit nach Haus, schnitt es durch: und unter einer dünnen Schicht aus frischem, rotem Hackfleisch befand sich altes, graues Hack.
Ich rannte in den Supermarkt zurück und beschwerte mich erfolglos. „This is normal“ sagten sie mir.
Diese Technik, das Schlechte unter dem Guten verschwinden zu lassen, wird häufig eingesetzt. Dies kann durch bewusst schlechten Kontrast, durch „Verstecken“ in großen Textmengen, durch die Schriftgröße und durch Austausch von Text gegen Bilder geschehen (einfachstes Beisipiel: der unanständige Ausdruck wird als Grafik-Datei dargestellt). In Kombination miteinander sind solche Techniken zur Irreführung der Suchmaschine immer noch sehr wirksam.

Alles miteinander ist Spam – der User soll geködert und zu unerwünschtem Inhalt geführt werden. Als jemand, der täglich im Web arbeitet, stelle ich regelmäßig fest, dass eine stabile Marktposition mit solchen Techniken nicht zu erreichen ist – und dass die Webauftritte, die stark auf dergleichen setzen, irgendwann wieder verschwinden. Aus meiner Sicht ist der beste „Trick“, nützlich und informativ zu sein – und dabei halbwegs unterhaltsam.

Was glauben Sie denn, warum ich dies hier geschrieben habe?

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