Kommentar eines Überflüssigen

oder: „der goldene Meterstab“

Was ist Online-Werbung?

Das werde ich immer wieder gefragt. Manchmal kommt die Frage auch gröber daher, dann heißt es: „Was machst du eigentlich?“

Das ist nicht ganz leicht zu beschreiben. „Ich gleiche Standards an“ ist, zum Beispiel, exakt. Aber unverständlich.

Ich wünschte, es gäbe so etwas wie den „goldenen Meterstab“ – also eine universelle Messlatte, die für alle Medien und Techniken gilt, und die mir sagen kann: so und so musst du dein Maß setzen, dann hast du die richtige Größe und alle Menschen können deine Inhalte anschauen.

Andererseits gibt es mich – will sagen, als arbeitenden Menschen – nur deshalb, weil der goldene Meterstab Fiktion ist.

Was das mit Online-Werbung zu tun hat?

Online-Werbung ist, ähnlich wie „Multimedia“, ein Plastikwort: man kann alles Mögliche darunter verstehen. Für meine Kunden wird der Begriff immer wichtiger. Hier mal eine kurze Klarstellung dazu, was sie NICHT ist.

Online-Werbung ist nicht „Webdesign“. Webdesign ist nämlich ebenfalls einer dieser verkorksten Begriffe – im Zeitalter der Baukasten-Websites ist leider jeder Dreijährige ein Webdesigner. Sagen wir an dieser Stelle mal eben, was Webdesign NICHT ist: „Design“. Wenn ich bunte Bildchen brauche, male ich sie nur aus zwei Gründen selbst: Rechtssicherheit und Geldersparnis. Will mein Kunde etwas Hübsches, soll er gefälligst einen Grafiker beauftragen; natürlich kenne ich mehrere gute Vertreter/innen dieser Berufsgruppe und empfehle gern jemand.

Webdesign ist, und jetzt sagen wir mal was Positives, das Zusammenbringen von Darstellung und Inhalt. Das ist weniger leicht, als der Laie es sich denkt; denn zumindest jetzt, im Jahre 2012, müssen Internet-Seiten auf Bildschirmen angezeigt werden, die teils so groß wie ein Handteller und teils so groß wie eine Schrankwand sind. Von den Schwierigkeiten, Webseiten plattformübergreifend und barrierefrei zu gestalten, rede ich an dieser Stelle lieber gar nicht erst. Wie gesagt, eine universelle Messlatte ist bisher nicht entwickelt worden.

Online-Werbung ist ebenfalls nicht: Fernsehwerbung. Der Computer ist kein Fernseher, und der Kunde ist keine Sendeanstalt. Unzählige Aufträge werden nicht erteilt, weil der Werbekunde eigentlich die Kaffee-Spots seiner Kindheit im Kopf hat und sich dann wundert, wie klein das Video ist oder wie langsam es lädt; und ebenso wundert er sich, wenn er all diese Probleme auf „youtube“ abwälzen will und sich eine Abmahnung einfängt. Von den Kosten einer Videoproduktion – auch fürs Internet – sind ebenfalls viele Kunden entsetzt. NATÜRLICH mache ich gern Videoprojekte, liebend gern sogar; aber die meisten meiner Kunden winken schon ab, wenn ich nur mitteile, dass sie die Rechte an ihrem Lieblings-Song, der natürlich die Hintergrundmusik sein soll, schlicht nicht bezahlen können.

Und Online-Werbung ist nicht  die Herstellung eines Plakats oder einer Hochglanz-Zeitschrift. Das heißt, die Position eines Bildes, der genaue Ton einer Farbe und die Wirkung eines Bildes – sie alle sind RELATIV. Sie hängen ab von Größe und Geometrie eines Bildschirmes, von den gewählten Wiedergabe-Programmen, und (O Graus) von den Einstellungen, die der jeweilige Benutzer gewählt hat. Dazu gehört auch, ob er sein Bildschirm-Fenster, beispielsweise, gerade etwas schmaler gestellt hat.

Und zu guter Letzt ist Online-Werbung nicht Suchmaschinen-Beeinflussung. Eine Internet-Seite kann wunderbare Werbewirkung im Internet entfalten, auch dann, wenn sie einen Pagerank von Null und für ihre wichtigsten Branchen-Stichworte ein Listing von 250 hat (will sagen, auf der 250. Seite in Google erscheint). Wird sie zum Beispiel hauptsächlich über „klassische“ Werbemedien beworben und hat eine einfache Adresse, so können die Kunden sie finden und benutzen, ohne jemals zu bemerken, dass die Konkurrenz-Seiten in Google besser zu finden sind.

Online-Werbung ist mehr als all das. Obwohl sie natürlich Elemente des „Webdesign“, des „Design“, des „SEO“ (Suchmaschinen-Beeinflussung) und auch des DTP bzw. des Umgangs mit Printmedien vereint.
Eigentlich ist Online-Werbung die Schnittstelle zwischen Inhalt (Content) und dem Publikum. Mehr als irgendeine andere Wissenschaft setzt sie Semantik ein, arbeitet also mit Begriffen. Wie der Übersetzer zwischen Sprachwelten steht, stehe ich zwischen der Botschaft und der Technik – und dem Empfänger, der sie einsetzt.

Aber was will ich machen? Ich kann ja auf meine Visitenkarte nicht schreiben: „Kommunikation von Begriffen“ oder „Übertragung von Botschaften in diverse Techniken“ – was zu Recht von meinen Kunden nicht angenommen würde. In aller Regel arbeite ich daher mit Referenzlisten und demonstriere Google-Abfragen. Und ich nenne mich, in Gottes Namen, „Webdesigner“. Das ist zwar nicht genau, wird aber meist sofort verstanden.

Was ich selbst nicht weiß: wie mein Beruf morgen aussieht. Zwar würde ich darauf wetten, dass die dem Page-Rank-Algorithmus zu Grunde liegende Logik noch jahrhundertelang verwendet wird; auch, dass die Pull-Medien den Push-Medien immer überlegener werden, halte ich für sicher; aber ob bereits in diesem Moment eine semantische Metasprache entsteht, die mich und meinesgleichen überflüssig macht, kann kein Mensch sagen. Wir Online-Werber sind nämlich Überflüssigen von morgen: es gibt uns nur, weil die Menschheit nicht im Stande ist, sich an ein paar einfache Standards zu halten. Andernfalls wäre es nämlich kein Problem für jeden von uns, seine Inhalte der Welt zur Verfügung zu stellen: die technische Basis dafür ist ja da. Und sie sichert die Demokratie – denn sie ist die Freiheit zur Meinungsäußerung.

So existiere ich weiterhin als Überflüssiger oder als jemand, der vorläufig noch nicht überflüssig ist. Und ich entwickle weiter permanent Methoden, die Inhalte meiner Kunden im Internet mit maximaler Wirkung zu kommunizieren.

Eines bleibt klar: was „Online-Werbung“ ist, ist nur über ihre Funktion zu definieren. Wer es genauer wissen will, kann nur abgrenzen von dem, was sie nicht ist. Aber schließlich ist das die exakte semantische Bedeutung von

De-Finition

🙂

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s